DieISERLOHNER vor Ort: Spannende Einblicke in die Geschichte der Iserlohner Nadelindustrie
Im Rahmen unserer Reihe „DieISERLOHNER vor Ort“ waren wir diesmal im Nadelmuseum im historischen Fabrikendorf Maste-Barendorf zu Gast. Dr. Sandra Hertel, Leiterin der städtischen Museen, führte uns persönlich durch die Ausstellung und gab uns einen spannenden Einblick in ein Stück Iserlohner Geschichte, das weit über die Herstellung von Nadeln hinausgeht.
Das Nadelmuseum wurde unter ihrer Leitung vollständig neu konzipiert. Während der Führung wurde schnell deutlich, wie viel Arbeit, Recherche und Herzblut in der Ausstellung stecken. Mit Unterstützung von Fördermitteln des Landes Nordrhein-Westfalen konnte das Museum neugestaltet werden. Zur Eröffnung im Mai 2025 war auch NRW-Heimatministerin Ina Scharrenbach nach Iserlohn gekommen.
Von Draht, Nadlern und 110 Arbeitsschritten
Die Voraussetzungen für die spätere Nadelindustrie entstanden schon früh: Die Herstellung und Verarbeitung von Draht hatte in der Grafschaft Mark eine lange Tradition. Zunächst wurde Iserlohner Draht unter anderem nach Köln und Aachen verkauft und dort weiterverarbeitet. Später sollte die Wertschöpfung in Iserlohn selbst stattfinden. Dafür wurden erfahrene Nadler aus dem Rheinland angeworben.

Das hatte sogar Auswirkungen auf das religiöse Leben der Stadt. Viele der angeworbenen Fachkräfte waren katholisch, während das preußische Iserlohn evangelisch geprägt war. Einige von ihnen wanderten deshalb ins katholische Menden ab. Um die Fachkräfte in Iserlohn zu halten, spielte schließlich auch die Möglichkeit katholischer Gottesdienste eine wichtige Rolle. 1745 erlaubte der preußische König deshalb die Gründung einer katholischen Gemeinde in Iserlohn. Damit kam zu der bis dahin evangelisch geprägten Kirchenlandschaft der Innenstadt – mit Oberster Stadtkirche, Bauernkirche und reformierter Kirche – wieder eine katholische Gemeinde hinzu: die heutige St. Aloysius Gemeinde.
Ein interessantes Beispiel dafür, wie eng damals schon Wirtschafts-, Stadt- und Religionsgeschichte in Iserlohn miteinander verbunden sind.
Wie aufwendig die Nadelherstellung damals war, lässt sich heute kaum noch vorstellen: Bis zu 110 einzelne Arbeitsschritte waren notwendig, bis eine Nadel fertiggestellt war. Selbst Kinder waren Teil dieses Produktionsprozesses. Noch bis ins 19. Jahrhundert hinein mussten sie unter anderem bei der Herstellung der Nadelöhre mitarbeiten.
Auch die Industrialisierung hinterließ ihre Spuren. Als englische Hersteller mit maschinell produzierten Nadeln zur Konkurrenz wurden, schaute man sich die dortige Technik sehr genau an. Hermann Witte reiste gemeinsam mit dem Mechaniker Carl Hobrecker nach England, um die Maschinen kennenzulernen. Auf dieser Grundlage entstanden schließlich eigene Maschinen für die Iserlohner Produktion.

Die Menschen hinter der Nadelindustrie
Bei all den Maschinen, Produktionsverfahren und wirtschaftlichen Entwicklungen stehen im Nadelmuseum aber auch diejenigen im Mittelpunkt, ohne die es diese Industrie nicht gegeben hätte: die Menschen, die dort arbeiteten.
Ihre Arbeitsbedingungen waren teilweise enorm belastend. Besonders eindrücklich ist die Geschichte der Nadelschleifer: Der beim Schleifen entstehende feine Metall- und Steinstaub führte zu schweren Erkrankungen und einer erschreckend niedrigen Lebenserwartung. Auch deshalb beschäftigte man sich schon früh mit Möglichkeiten, die Arbeitsbedingungen zu verbessern.
Anhand konkreter Biografien wird im Museum deutlich, was die Nadelindustrie für das Leben der Menschen in Iserlohn bedeutete. So begegnet man beispielsweise Sophie Adeneuer, die unglaubliche 81 Jahre für das Unternehmen Witte gearbeitet hat.
Unser Besuch hat gezeigt, wie viel Iserlohner Stadt-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte in einem so kleinen Gegenstand wie einer Nadel stecken kann.
Ein herzliches Dankeschön an Dr. Sandra Hertel für die informative Führung und die vielen spannenden Einblicke. Wer das neu gestaltete Nadelmuseum im Barendorf noch nicht besucht hat, sollte sich selbst einmal auf Spurensuche begeben – es gibt dort einiges über Iserlohn zu entdecken.
